Strad Magazine

Interview mit Nikolaj Znaider für Strad Magazine

Die Fragen stellte Nikolaj Znaider.

März 2008

Nikolaj Znaid­er: Wenn ich die Namen Leo­pold Auer, Carl Flesh, Ivan Galami­an oder Yuri Jankelewitsch nenne, dann bedeutet das für uns alle eine gewisse Ehr­furcht – jeder von ihnen hat eine Schule repräsen­tiert, jeder von ihnen hat die Gei­gengeschichte auf seine Weise geprägt. Wie sehen Sie heute die Rolle eines großen Gei­gen­päd­agogen, der Sie ja in dieser Linie eine Fortset­zung darstel­len?

Bor­is Kuschnir: Ein großer Lehr­er muss in erster Linie ein großes päd­ago­gisches Tal­ent haben. Er soll­te ein viel­seit­ig aus­ge­bil­de­ter Mensch sein, und natür­lich ein guter Psy­cho­loge. Wichtig ist, dass er die Fähigkeit besitzt, ein Tal­ent zu erkennen und zu entwick­eln. Er muss die Prob­leme sein­er Schüler sehen — und zwar nicht nur sehen, son­dern er muss diese Prob­leme auch sehr schnell und in der richti­gen Reihen­folge lösen.

Nikolaj Znaid­er: Ghen wir bitte zurück. Wenn wir zum Anfang, zu Ihr­em Anfang zurück­ge­hen, was war­en ihre ersten Hauptein­flüsse, natür­lich gei­gerisch, aber auch päd­ago­gisch, mensch­lich, alles, was Sie jet­zt genan­nt haben.

Bor­is Kuschnir: Meine aller­er­sten und sehr wichti­gen Ein­flüsse habe ich von meinem Vater bekom­men. Er war 1. Konzert­meister im Radio Sym­phonie Orchester von Kiew und spielte jahrelang Streichquar­tett und Klavier­trio. Von ihm habe ich gel­ernt, wie wichtig beim Gei­gen­spielen die Klangqual­ität ist! Er hat immer gesagt: Auch die klein­ste Note muss sin­gen, und die Musik muss atmen. Das alles habe ich von meinem Vater gel­ernt. Meine Mut­ter — sie war auch Gei­ger­in — hat nach jedem mein­er Auftritte die Wahrheit über mein Spiel gesagt, und schon dam­als habe ich gel­ernt, wie wichtig auch für junge Musiker eine pro­fes­sion­elle und ehr­liche Kritik ist.

Nikolaj Znaid­er: Ihr Vater war also Ihr erster Lehr­er.

Bor­is Kuschnir: Ja, er war mein erster Lehr­er und jemand, der mein Interesse für die Geige geweckt hat. Meine Mut­ter war auch Gei­ger­in, und schon dam­als habe ich gel­ernt wie wichtig für junge Musiker eine pro­fes­sion­elle und ehr­liche Kritik ist.

Nikolaj Znaid­er: Da kom­men wir jet­zt zu ihr­er weit­er­en Entwicklung. Sie sind dann nach Moskau gegan­gen …

Bor­is Kuschnir: Ja. Ich habe bis zum Alter von 17 Jahren in Kiew gelebt und stud­iert, und ich hatte sehr gute Lehr­er! Das war­en Veniam­in Seldis und später Las­ar Bend­er­ski. Sie haben mich sehr pro­fes­sion­ell und mit viel Liebe unter­richtet. Ich meine, wir sol­len unsere Lehr­er, wenn sie wirk­lich gut für uns war­en, immer erwähnen und nie ver­gessen, sie haben das verdient!

Nikolaj Znaid­er: Haben Sie dam­als schon konzer­tiert?

Bor­is Kuschnir: Ja — und relat­iv oft. Ich erin­nere mich, wie ich nach dem Konzert in St. Peters­burg zum Kon­ser­vat­ori­um gegan­gen bin und dem ber­üh­mten Gei­ger und Päd­agogen Michail Va iman vorgespielt habe, und zwar im Zim­mer des legendären Leo­pold Auer, in seinem Unter­richt­sz­i­m­mer. Jahrzehnte später habe ich selbst in diesem Zim­mer ein­en Meister­kurs gegeben …

Ja, in Moskau habe ich dann dem ber­üh­mten Lehr­er Juri Jankele­vitch vorgespielt. Er woll­te mich in seine Klasse aufneh­men, aber da kein Platz frei war, wäre es erst ein Jahr später gegan­gen. Nun war es aber dam­als in Russ­land so, dass jemand, wenn er 17 oder 18 Jahre alt war und nicht weit­er stud­iert hat, gleich zum Mil­itärdi­enst musste. Ich kon­nte also dam­als nicht warten, und so habe ich bei einem ander­en Lehr­er vorgespielt, der dann mein gan­zes Leben ver­ändert hat: das war Prof. Bor­is Belen­ki, ein­er der besten Fre­unde von Dav­id Ois­trakh, der ihm oft vor sein­en Auftrit­ten in Moskau vorgespielt hat.

Nikolaj Znaid­er: Ois­trakh hat Belen­ki vorgespielt sozus­agen als Kon­trolle …

Bor­is Kuschnir: … als sein Fre­und, weil er hat ihm ver­traut

Nikolaj Znaid­er: Das heisst, wir können sozus­agen der Roten Armee verd­anken, dass sie zu Belen­ki gegan­gen sind und nicht zu Jankelewitsch, diese wichtige Entscheidung, die let­zten endes ihr Leben so pos­it­iv bee­in­flusst hat?

Bor­is Kuschnir: Ja, ich habe es nie bereut, dass ich bei Belen­ki war, und nicht bei Jankelewitsch. Er war dam­als noch nicht so ein ber­üh­mter Lehr­er, aber heute hat sein Name in der Geschichte der Gei­gen­päd­ago­gik ein­en wichti­gen Platz.

Nikolaj Znaid­er: Wie war denn Belenki’s Art zu arbeiten?

Bor­is Kuschnir: Er hatte ein­fach das Tal­ent, wirk­lich mil­lir­neter­genau zu sagen, was der Schüler machen soll, um ein bestim­mtes Res­ultat — um eine deut­liche Verbesser­ung seines Gei­gen­spieles zu erreichen.

Nikolaj Znaid­er: Und Sie haben gesagt, dass er das geschafft hat nicht durch das Behan­deln von Symp­to­men, son­dern durch das Behan­deln des Prob­lems sel­ber.

Bor­is Kuschnir: Ja, er hat sofort das Prob­lem gese­hen, und nicht nur die Symp­tome allein, und er hat wie ein sehr guter Arzt gewusst, welche Mit­tel sein “Patient” für die Lösung sein­er Prob­leme anwenden muss, und zwar in den ver­schieden­sten Bereichen: bei der Gei­gen­hal­tung, beim Vibrato, bei der Tonge­bung, bei der Bogen­hal­tung und Bogen­ein­teilung, beim Lagen­wech­sel, beim Bogen­wech­sel usw. Das sind ja alles Prob­lembereiche, mit den­en sich jeder Gei­ger kon­fron­tiert sieht. Es ist wichtig für­jeden­jun­gen Gei­ger, dass er so ein­en „Dok­t­or” fin­d­et.

Nikolaj Znaid­er: Und würden Sie sagen, dass Belen­ki ein Sys­tem gehabt hat, also musste man bestim­mte Etüden durch­machen, oder hat er von Schüler zu Schüler entschieden, je nachdem was der Schüler oder die Schüler­in vorges­tellt hat.

Bor­is Kuschnir: Natür­lich hat er als Lehr­er ein Sys­tem gehabt, aber er hat dieses Sys­tem sehr indi­vidu­ell angewen­det. Ich musste z. B. viel Ton­leit­ern üben, Dop­pel­griffe mit Dez­i­men und Fin­ger­satzok­taven, eine gan­ze Reihe von Etüden, ver­schiedene Barock­son­aten, nicht so schwere Stücke zuerst — insges­amt ein sehr gut dosiertes und gez­ieltes Rep­er­toire. Erst nach unge­fähr zwei Jahren hat er mir erlaubt, mehr Zeit für meine sol­istische und kam­mer­musikalis­che Tätigkeit zu ver­wenden.

Nikolaj Znaid­er: Das ist diese Dual­ität, näm­lich die Not­wendigkeit, das Instru­ment zu beherrschen, gleichzeit­ig mit der musikalis­chen Entwicklung, wie man das bal­an­ciert als Lehr­er, darauf kom­men wir noch zurück. — Sie haben also bei Belen­ki prakt­isch zwei Jahre tech­nisch hart gearbeitet.

Bor­is Kuschnir: Sehr hart gearbeitet, ja. Und nach jeder Stunde habe ich ein­en Brief an meine Eltern in Kiew ges­chrieben mit ein­er vol­len Bes­chreibung, was war, was er gesagt hat, wie er es gesagt hat. Schon dam­als habe ich — unbe­wusst — jede Stunde ana­lysiert, alles, was mir Belen­ki gesagt hat.

Nikolaj Znaid­er: Es war Ihnen also direkt ein Bedür­fuis …

Bor­is Kuschnir: Ja. Da habe ich eigent­lich eine richtige Schule ges­chrieben, auf grund dessen, was ich von Belen­ki gehört habe. Dutzende, Hun­derte Details, neue Sachen, die ich vorher nie gehört hatte.

Nikolaj Znaid­er: Wäre es denn richtig zu sagen, dass Sie dam­als als Schüler schon interessiert hat, nicht nur, was zu tun sei, son­dern auch wieso?

Bor­is Kuschnir: Wieso und wie, diese Fra­gen haben mich immer interessiert, und ich woll­te das auch dok­u­mentier­en.

Nikolaj Znaid­er: Die ersten unbe­wussten Sch­ritte als Lehr­er, sozus­agen.

Bor­is Kuschnir: Ja, ich habe auch zuge­hört und gel­ernt, wenn Prof. Belen­ki andere Stu­den­ten unter­richtet hat. So war ich zum Beis­piel als Zuhörer im Unter­richt von Y. Jankele­vich, L. Kogan, D. Ois­trach, M. Rostrop­ovich und vielen ander­en Pro­fess­oren. Man kon­nte immer wieder in eine andere Klasse gehen und phant­astische Stu­den­ten hören, die heute in den besten Konzertsälen der Welt spielen, zum Beis­piel: G. Kre­mer, V. Spivakov, V. Tret­jakov, N. Gut­man, E. Leon­skaja, M. Maisky, R. Lupu u.v.a.

Nikolaj Znaid­er: Genau, wir haben privat öfters darüber gesprochen. Aber mich interessiert das natür­lich, diese “guten alten Zeiten” in Moskau, das muss etwas ganz beson­deres, eine unglaub­liche gegen­seit­ige Inspir­a­tion gewesen sein, so wie das auch in ihr­er Klasse war, wenn man jemanden üben hörte, woll­te man nicht der ein­zige sein, der nicht übt, so eine Art von pos­it­iver Konkur­renz. Können sie uns ein bis­schen darüber erzäh­len? Wie war das mit so vielen großarti­gen Musikern in ein­er Schule zusam­men zu sein?

Bor­is Kuschnir: Meine Stud­i­en­jahre, 1966 — 1975, war­en wirk­lich “goldene Zeiten”. Im Tschaikowsky-Kon­ser­vat­ori­um kon­nte ich fast jeden Tag ganz große Musiker tref­fen: D. Ois­trach, L. Kogan, D. Schos­takovich, A. Khatchaturi­an, S. Richter, E. Gilels, M. Rostrop­ovich …

Mit meinem Streichquar­ett kon­nte ich sog­ar mit Schos­takovich per­sön­lich, bei ihm zu Hause, an seinem neu kom­ponier­ten 13. Streichquar­tett arbeiten! Alle zwei oder drei Mon­ate fanden irgendwelche Aus­wahlspiele fiir die Teil­nahme an einem inter­na­tionalen Wettbe­w­erb statt, auf unglaub­lich hohem künst­lerischem Niveau. Für alle Päd­agogen, selbst fiir so große Künst­ler wie L. Kogan oder D. Ois­trach oder Y. Jankelewitsch, war es wichtig, wer den näch­sten großen Wettbe­w­erb gewin­nt.

Nikolaj Znaid­er: Und das hat viel­leicht das Leben von Dav­id Ois­trach oder Leonid Kogan bee­in­flusst, näm­lich wie sich ihre Schüler bei inter­na­tionalen Wettbe­w­er­ben bewährt haben.

Bor­is Kuschnir: Ja, jeder woll­te, dass sein Schüler zum Wettbe­w­erb fährt und den ersten Pre­is bekom­mt. Auch die dam­a­lige Politik der Sowje­tunion hat von den jun­gen Musikern ver­langt, dass sie immer alle Wettbe­w­erbe gewinnen.

Nikolaj Znaid­er: Würden sie sagen, war es fiir die Schüler eine pos­it­ive Sache, hat es Inspir­a­tion gegeben oder war es ein Ang­st­fak­t­or, wie hat es sich auf die Schüler aus­gewirkt?

Bor­is Kuschnir: Das alles hat ver­schiedene Seiten gehabt. Zuerst ein­mal haben viele sehr gute junge Gei­ger die Gele­gen­heit bekom­men, zu großen Wettbe­w­er­ben zu fahren, sehr oft auch zu gewinnen und dann sofort ihre Solokar­ri­ere zu beginnen. Aber es gab auch eine schlechte Seite: Immer wieder ist es passiert, dass gute Gei­ger leider nicht an großen Wettbe­w­er­ben teil­neh­men kon­nten, weil der Lehr­er viel­leicht nicht so stark war, das durchzu­set­zen, oder es war auch oft so, dass jemand, der jüdis­cher Abstam­mung war, nicht zum Wettbe­w­erb fahren durfte, da wurde also oft aus polit­ischen Gründen die Reise abgelehnt.

Nikolaj Znaid­er: Kom­men wir noch ein­mal zu Ihr­er Zeit am Tschaikovksy-Kon­ser­vat­ori­um zurück. Sie hat­ten also das Glück, in Moskau mit vielen entscheidenden Per­sön­lich­keiten, wie Ois­trach, Schos­takow­itsch, Rostro­pow­itsch, Kon­takt zu haben, was Sie natür­lich auch als Musiker mit geprägt hat.

Bor­is Kuschnir: Für mich zum Beis­piel gab es ein­en sehr entscheidenden Moment, es war viel­leicht ein Zufall — wir sprechen oft über Zufälle … Ich habe im Klein­en Saal des Moskauer Kon­ser­vat­ori­ums gespielt, ich erin­nere mich, zwei Paganini-Capri­cen und noch den 1. Satz des Moz­art-Konzerts Nr. 4. Und im Saal war Dav­id Ois­trach, der mich vorher nicht kan­nte. Aber plötz­lich sagt er, nach dem Konzert, zu meinem Lehr­er: “Wer ist das? Der gefällt mir sehr, wir müssen ihm irgend­wie helfen, wir müssen ihn zum Wettbe­w­erb schick­en.” Ich wurde dann zum Großen Sowje­tunion-Wettbe­w­erb geschickt, dort habe ich den drit­ten Pre­is gewonnen — es gab nur drei Pre­ise für die gan­ze Sowje­tunion. Im Finale habe ich das Beeth­oven-Konzert gespielt, mit den Len­in­grader Sym­phonik­ern unter Juri Ternirkan­ov, und so habe ich auch meine Solokar­ri­ere als Gei­ger begonnen.

Nikolaj Znaid­er: Kom­men wir jet­zt zu der Zeit nach Ihr­er Aus­b­ildung. Sie war­en in Moskau, Sie haben viele Solokonzerte gegeben. Und ich weiß, Sie haben in Moskau auch Streichquar­tett gespielt. Wie viele Jahre war­en Sie in der Sowje­tunion tätig, bevor Sie in den West­en kamen, und wie kam es dazu, dass Sie die Sowje­tunion ver­lassen kon­nten?

Bor­is Kuschnir: Ja. Gleichzeit­ig mit mein­er sol­istischen Tätigkeit habe ich mich auch immer für Kam­mer­musik interessiert. Im Jahr 1970 war ich ein­er der Gründer des Moskauer Streichquar­tetts, mit dem ich nicht nur ver­schiedene inter­na­tionale Wettbe­w­erbe gewonnen, son­dern auch viel gel­ernt habe. Zu unser­en Lehr­ern zähl­ten auch Mit­glieder des legendären Borod­in-Quar­tetts. In dieser Zeit habe ich das Parti­t­ur­lesen gel­ernt und mich viel mit dem Kam­mer­musikklang und mit der Bal­ance beschäftigt. Das alles hat mir irgend­wann auch viel in mein­er Arbeit als Lehr­er geholfen.

Und in dieser Zeit habe ich gel­ernt, Fein­heiten zu schätzen, Detail­arbeit. Wenn ich heute junge Gei­ger höre, oder junge Kam­mer­musikensembles, dann bemerke ich oft, dass bei der Inter­pret­a­tion etwas Wichtiges fehlt, und zwar die Detail­arbeit, die Fein­arbeit, entweder von der Seite des Lehr­ers oder von der Seite des Schülers. Oft auch von beiden Seiten. Ich den­ke, diese Detail­arbeit, diese wichti­gen „Klein­igkeiten” sind es, die die Musikin­ter­pret­a­tion noch interess­anter und noch fein­er machen.

Nikolaj Znaid­er: Das sieht man natür­lich in Gesell­schaften, wo der mater­i­elle Wohl­stand hoch ist, dann ist das muss zur IOO%igen Hingabe weni­ger als in Syste­men wie dem dam­a­li­gen Sowjet-Regime, ich glaube das hat auch dam­it zu tun. Und sie hat­ten suzus­agen das Glück im Unglück gehabt in dieser Zeit in der Sowje­tunion zu leben. Das war sicher­lich sehr schwer, und gleichzeit­ig haben sie diese Hingabe gel­ernt, weil das war der ein­zige Weg, wo man seine Kunst per­fek­tionier­en kon­nte.

Bor­is Kuschnir: Richtig, ja.

Nikolaj Znaid­er: Wie sind Sie dann aber von der Sowje­tunion weg gekom­men? Wie ist es Ihnen gelun­gen, war das ein Wun­sch, war das ein Zufall?

Bor­is Kuschnir: Meine Lauf­bahn in Russ­land war irgend­wie immer die gleiche: Ich habe als Sol­ist konzer­tiert, ich habe mit dem Quar­tett Konzerte gegeben, ab und zu war ich im Aus­land, aber richtig die Welt zu sehen, große Pro­jekte zu ver­wirk­lichen — das war viel­leicht dam­als nur ein Traum. So weit­er­zu­machen wie bish­er, war schon ein wenig lang­wei­lig für mich geworden. Und das gan­ze Sys­tem rund um mich war jet­zt anders als in mein­er glück­lichen Zeit. Viele große Musiker sind aus­gere­ist aus der Sowje­tunion, viele war­en leider schon gestorben, das war …

Nikolaj Znaid­er: … eine Ver­ar­mung, sozus­agen, künst­lerisch gese­hen

Bor­is Kuschnir: Ja. Kunst hat immer weni­ger Menschen interessiert, das war irgend­wie die Zeit, wo ich erkan­nte, jet­zt muss auch in meinem Leben etwas passier­en. Und da habe ich mich entschieden zu emigri­er­en. Ich hatte die Mög­lich­keit, off­Iz­i­ell zu emigri­er­en, als Jude kon­nte man ein­en Antrag stel­len.

Nikolaj Znaid­er: In wel­chem Jahr war das?

Bor­is Kuschnir: Das war 1980. Und 1981 bekam ich die Erlaub­nis zu emigri­er­en. Ich bin mit mein­er Fam­ilie nach Wien geflo­gen, das war die erste Sta­tion, wo alle Emig­ranten aus der Sowje­tunion ein­en Stopp machen. Und dann sind viele Zufälle zusam­men gekom­men: Ich habe Zubin Mehta vorgespielt, und zwar das Brahms-Konzert. In Linz bin ich 1. Konzert­meister des Bruck­ner Orchesters geworden. Und ich habe begonnen, im Bruck­ner-Kon­ser­vat­ori­um Linz, und ein Jahr später auch im Kon­ser­vat­ori­um Wien, zu unter­richt­en.

Nikolaj Znaid­er: Wie ist es denn dazu gekom­men? Haben Sie sich das gewün­scht? Ist dieser Impuls, den Sie schon in der Ukraine und bei Belen­ki beka­men, diese Neu­gi­er zu ana­lysier­en, zu ver­stehen, jet­zt zum Aus­bruch gekom­men, oder ist das rein­er Zufall gewesen?

Bor­is Kuschnir: Wis­sen Sie, alles im Leben ist viel­leicht Zufall- oder nicht Zufall. Sich­er habe ich mir immer gewün­scht, zu spielen und zu unter­richt­en. Dar­um habe ich in Wien auch sofort ein Klavi­er Trio gegrün­det, das Wien­er Schubert Trio. Nur dann kam ein Zufall, der sich auf meine gan­ze päd­ago­gis­che Lauf­bahn sehr glück­lich aus­gewirkt hat. Ich habe ein­en klein­en, achtjährigen Gei­ger gehört. Sein Name war Juli­an Rach­lin. Als er spielte, war ich plötz­lich sehr erstaunt, denn ich hörte bei seinem Spiel etwas Beson­deres, viel­leicht etwas Gen­iales Das hat nur ein­en Moment gedauert, viel­leicht war es eine halbe Note, eine Mil­lisekunde. Seine Fam­ilie hat mich geb­eten, ihn zu unter­richt­en, und ich habe begonnen, lang­sam, sehr lang­sam, sein Tal­ent, seine Gen­i­al­ität mehr und mehr zu kristal­lis­ier­en. Unsere Arbeit war unglaub­lich interess­ant und produkt­iv. Als Juli­an 13 Jahre alt war, gewann er den Euro­vi­sions-Wettbe­w­erb in Ams­ter­dam und war sofort welt­bekan­nt. Auch beute, nach 20 Jahren, zählt er zu den allerbe­sten Gei­gern der Welt. Und darauf bin ich stolz.

Nikolaj Znaid­er: Also Sie hat­ten, als Sie nach Öster­reich kamen, keine Ambi­tion, als großer Viol­in­päd­agoge zu arbeiten?

Bor­is Kuschnir: Ich habe nie den Ehrgeiz gehabt, ein großer Viol­in­päd­agoge zu wer­den. Ich glaube, wie groß ein Lehr­er ist, können nur seine Schüler sagen und seine päd­ago­gis­chen Erfolge. Ich woll­te ein­fach unter­richt­en und den jun­gen Gei­gern helfen, und ich bin sehr glück­lich, dass ich das am Kon­ser­vat­ori­um Wien Priva­tuni­versität und an der Kun­stuni­versität Graz tun kann. 1999 habe ich mich um eine von zwei freien Pro­fes­suren an der Musikuni­versität Wien beworben, aber leider — oder glück­lich­er­weise — nicht bekom­men.

Nikolaj Znaid­er: Wenn wir nun darüber sprechen, wie Sie heute das Leben sehen, won­ach schauen Sie, wenn zu Ihnen heute Schüler kom­men? Was sind die Qual­itäten oder das Poten­tial, die Sie suchen, wenn ein jun­ger Mensch an Sie her­antritt?

Bor­is Kuschnir: Ich suche Tal­ent, Beg­abung, etwas Beson­deres. Ich erkenne das schon nach ein paar Sekun­den, wenn mir jemand vor­spielt.

Nikolaj Znaid­er: Aber es gibt doch auch Momente, das wis­sen wir ja, wo viel­leicht im Augen­blick durch ver­schiedene Begren­zun­gen, tech­nis­che Mög­lich­keiten, Fähigkeiten, die noch nicht entwick­elt sind, eine Per­son noch nicht so dasteht, wie sie kön­nte, und viel­leicht doch durch die Entwicklung, durch Neu­gi­er, durch Dis­zip­lin, harte Arbeit, sich Ver­schiedenes noch entwick­eln kön­nte. Schauen Sie auch nach dieser Neu­gi­er, nach dem Intellekt, was aus dem Schüler noch wer­den kön­nte, wie beur­teilen Sie das?

Bor­is Kuschnir: Ja, das ist etwas anderes. Ich erkenne, wie beg­abt ein jun­ger Gei­ger oder eine junge Gei­ger­in ist auch dann, wenn er oder sie schlecht spielt, wenn die Inton­a­tion oder die Hal­tung nicht in Ord­nung oder die Inter­pret­a­tion unin­teress­ant ist. Ich würde sagen, jeder sehr gute Lehr­er soll­te auch ein Tal­ent haben, ein päd­ago­gisches Tal­ent. Viel­leicht habe ich etwas von diesem Tal­ent, und mit mein­er Erfahrung kann ich die Prob­leme fest­s­tel­len, mit den­en die jun­gen Musiker kon­fron­tiert sind, und meistens finde ich sofort die Ant­worten. Ich frage mich immer, wie kann ich diese Beg­abung entwick­eln, wie kann ich helfen? Da erin­nere ich mich daran, was der Bild­hauer Rod­in ein­mal gesagt hat. Er wurde ein­mal gefragt: “Wie machen Sie diese phant­astischen Skulp­turen?” Er hat geant­wor­tet: “Ich mache über­haupt nichts. Ich nehme ein­en Stein und ich ver­suche, alles, was nicht dazu gehört, weg­zustern­men. Und so kom­mt auto­mat­isch die Fig­ur heraus, ich habe sie eigent­lich nicht gemacht.” Und so ver­suche ich auch, in mein­er Arbeit als Lehr­er, das Tal­ent von all dem zu befreien, was stört, alles weg­zun­eh­men, was nicht zu diesem Tal­ent gehört. Das ist natür­lich oft eine Riesen­arbeit.

Nikolaj Znaid­er: Jet­zt eine andere Frage: wenn sie die künst­lerische Entwicklung so eines jun­gen Menschen bestim­men, das ist eine große Ver­ant­wor­tung, denn der Lehr­er möchte ja den jun­gen Künst­ler prä­gen und zwar mög­lichst pos­it­iv. Und wie wir wis­sen, gehört nicht nur Tal­ent und Dis­zip­lin dazu, es ist auch eine psy­cho­lo­gis­che Rolle, die sie im Leben so eines jun­gen Menschen spielen, das weiss ich auch aus unser­em Ver­hält­nis, wie gehen sie das an?

Bor­is Kuschnir: Es geht nicht nur um das Gei­gen­spielen, die Hal­tung oder die Inter­pret­a­tion. Für manche junge Schüler spiele ich fast eine Vater­rolle, für viele bin ich ein Fre­und, für andere wie ein Arzt oder Berater. Oft erzäh­len mir meine Stu­den­ten über ihr Leben, über ihre Gefühle, ihr Glück oder ihre Prob­leme, und ich erzähle das nie jeman­dem weit­er. Ich bin also für meine Schüler eine Ver­trauen­sper­son, ein Ver­trauens­ver­hält­nis, das manch­mal weit über die Stud­i­en­zeit hinaus hält. Natür­lich lerne ich auch selbst sehr viel von mein­en Stu­den­ten.

Nikolaj Znaid­er: Sie sehen das also nicht als eine Belas­t­ung an, son­dern viel­mehr als eine Bereicher­ung.

Bor­is Kuschnir: Unbedingt, denn ich profit­iere dav­on. Und ich möchte sagen, ich bin dadurch immer sehr jung geblieben, weil ich immer mit jun­gen Leu­ten, oder mit Prob­le­men von jun­gen Leu­ten, zu tun habe. Es sind ja nicht immer nur Prob­leme, auch wenn sie glück­lich sind, kom­men sie zu mir und teilen dieses Glück mit mir, und ich teile auch mein Glück mit ihnen. Also das ist wech­sel­seit­ig, und das muss so funk­tionier­en zwis­chen guten Lehr­ern und ihren Schülern. Und noch etwas ist wichtig: Wenn ein sehr guter Lehr­er wirk­lich groß ist, muss er immer seine Gren­zen kennen. Wie weit soll er sich “ein­mis­chen” — beson­ders, wenn es um die Inter­pret­a­tion geht — wenn er es mit beg­ab­ten, sagen wir ruhig auch gen­ialen Leu­ten zu tun hat. Natür­lich wäre es leicht, das junge Tal­ent mit mein­er Autor­ität, mit meinem Charak­ter zu len­ken, oder zu bee­in­flussen, der Stu­dent sagt dann sofort, ‚ja o.k., ich spiele so, wie Sie sagen”. Das ist ein großer Fehler des Lehr­ers, weil oft genau in diesem Moment ein Tal­ent unter­drückt wird. Der Lehr­er muss dem Tal­ent immer die Freiheit lassen, sich weit­er zu entwick­eln.

Nikolaj Znaid­er: Ich muss sagen, ich bin auch immer wieder beeindruckt, wie Sie nicht Ihre eigene per­sön­liche Inter­pret­a­tion den Stu­den­ten auf­drück­en, son­dern nur immer wieder natür­lich krit­ische Fra­gen stel­len. Die Hauptsache ist ja, die Schüler zum Den­ken zu brin­g­en. Jet­zt hätte ich eine Frage, die eher gener­ell ist. Es geht um die Philo­soph­ie des Gei­gen­spiels. Was sehen Sie als die wichti­gen Qual­itäten eines großen Gei­gers? Was gehört dazu? Was braucht man?

Bor­is Kuschnir: War­um haben wir heute so viel sehr gute Gei­ger, aber so wenig große Gei­ger? Was unter­scheidet die ein­en von den ander­en? Ich hatte das Glück, so große Gei­ger wie Mil­stein, D. Ois­trach, Kogan, Scher­ing, Frances­catti u.v.a. live im Konzert zu hören. War­um kann ich diese Konzerte nie ver­gessen? Natür­lich hat mich die phänom­enale Tech­nik und Inter­pret­a­tion beeindruckt, aber auch heutzutage gibt es viele Gei­ger mit ein­er fant­astischen Tech­nik und mit außergewöhn­lichen Inter­pret­a­tion­en. Was mich aber dam­als fasziniert hat — und was heute leider fast ver­schwun­den ist — das war die Tonge­bung, die Gei­ger haben dam­als “gesun­gen”! Ja, es geht um die Klangqual­ität! Mit seinem beson­der­en Ton kann der Gei­ger seine Gefiihle zei­gen, seine Seele aus­drück­en. Wenn ich das als Zuhörer nicht spüre, ist das Konzert fiir mich völ­lig wertlos.

Nikolaj Znaid­er: Und was, glauben Sie, braucht ein jun­ger Mensch, um dor­thin zu kom­men, um ein großer Gei­ger zu wer­den? Was fordert das von einem Stu­den­ten?

Bor­is Kuschnir: Er braucht vieles, aber das Wichtig­ste ist, dass er echt­es Tal­ent hat die Fähigkeit, mit seinem Spiel das Pub­likum zu faszinier­en.

Nikolaj Znaid­er: Sprechen wir über die Qual­itäten die man braucht, um ein großer Gei­ger zu wer­den, nicht nur heute son­dern über­haupt, Dis­zip­lin, gute Lehr­er, eine gute Umge­bung? Was sagen sie einem jun­gen Gei­ger oder Gei­ger­in, der oder die diesen Artikel hier liest, was sind die Ziele die man suchen soll?

Bor­is Kuschnir: Der junge Musiker muss lernen, bei seinem Spiel immer Gefühle zu zei­gen. Er muss sich für eine gei­gerische Kar­ri­ere auch intellektuell entwick­eln, also nicht nur Geige lernen, son­dern auch Kam­mer­musik, Klavi­er­spielen, Parti­t­ur­lesen, er muss ins Theat­er gehen, in die Oper, er muss sich viel­seit­ig aus­b­ilden. Er soll nicht nur körper­lich gesund sein, son­dern auch lernen, gesund und natür­lich zu spielen. Der Gei­ger darf nicht nach jedem Konzert Schmerzen haben. Nach ein­i­ger Zeit können sol­che Schmerzen so groß sein, dass er über­haupt nicht mehr spielen kann. Da, finde ich, hat auch der Lehr­er schlecht gearbeitet, denn der Lehr­er muss auch — wie ein Arzt — dem Schüler rechtzeit­ig helfen, sol­che Prob­leme zu ver­meiden. Er ist sehr viel not­wendig, um ein großer Gei­ger zu sein. Schließ­lich finde ich, dass er auch ein guter Mensch sein soll, er soll sich mit pos­it­ivem Den­ken beschäfti­gen und nicht schauen, aha, jemand spielt mehr Konzerte, ich spiele weni­ger, war­um spielt der andere mehr — das nim­mt eigent­lich alles Zeit und Ener­gie weg.

Nikolaj Znaid­er: Sie sprechen jet­zt von Neid …

Bor­is Kuschnir: Von Neid, ja. Der Gei­ger soll wis­sen, dass er eine gute Aus­b­ildung hat, eine gute Schule, ein­en guten Lehr­er und — dass er Tal­ent hat. Er soll ruhig so weit­er­machen, und dann kom­mt sich­er seine glück­liche Zeit. So habe ich alle meine Schüler ori­entiert, und viele von ihnen haben — als der richtige Zeit­punkt da war — auch ver­schiedene Wettbe­w­erbe gewonnen, z. B. Juli­an Rach­lin, Lidia Baieh, Dalibor Kar­vay, Alex­an­dra Sou­mm (alle 1. Pre­is­träger beim Euro­vi­sion­swettbe­w­erb) oder Nikolaj Znaid­er, Gewin­ner des Königin-Elisa­beth-Wettbe­w­erbes in Brüs­sel.

Nikolaj Znaid­er: Wenn ich Sie richtig ver­stehe, dann sagen Sie also, Geduld ist auch eine Eigenschaft, die man braucht.

Bor­is Kuschnir: Ja, Geduld ist eine sehr wichtige Eigenschaft. Und die jun­gen Leute müssen auch genü­gend Selb­st­be­wusst­sein entwick­eln. Es ist für sie auch sehr wichtig, eine Ver­trauen­sper­son zu haben. Und nicht nur die jun­gen Leute, auch erwach­sene und bereits ber­üh­mte Musiker brauchen das. Viele bekan­nte Künst­ler haben mich aus­gewählt als Ver­trauen­sper­son und mir vor wichti­gen Konzer­ten oder Auf­nah­men vorgespielt.

Nikolaj Znaid­er: Also jemanden, der ihnen die Wahrheit sagt.

Bor­is Kuschnir: Ja, ich habe keine Angst, jeman­dem die Wahrheit zu sagen, wenn dieser Mensch Wahrheit braucht. Es ist ja eine sehr interess­ante Situ­ation, wenn wir sehen, beim Theat­er, bei großen Schaus­piel­ern, gibt es immer ein­en Regis­seur, jemanden, der das Gan­ze ein bis­se­hen leitet, und der nach der Vor­stel­lung auch sagen kann, das hast Du gut gemacht, das war nicht so gut, usw. Aber bei Gei­gern, da bekom­men junge Leute oft große Pre­ise, und sie den­ken, ja, das ist jet­zt die große Kar­ri­ere, und sie spielen 200 Konzerte pro Jahr, aber sie merken nicht — weil es ihnen niemand wirk­lich sagt — , dass ihr Spiel lang­sam ein bis­se­hen schmutzig wird, die Inton­a­tion, oder die Inter­pret­a­tion, oder die Hal­tung, niemand traut sich ihnen zu sagen, dass etwas nicht stim­mt, dass sie aufpassen müssen. Und nach 10 Jahren kann es schon so weit sein, dass so ein sehr tal­en­tiert­er jun­ger Mensch auf ein­mal nicht mehr so gut spielt. Aber er merkt es nicht. Das Pub­likum merkt es aber sehr wohl. Und nach 20 Jahren merken es dann schon alle, auch der Künst­ler sel­ber merkt, dass irgend etwas nicht mehr stim­mt. Aber da ist es dann oft schon zu spät, noch etwas dage­gen zu tun. Ein­mal hat mich nach dem Konzert ein ber­üh­mter Gei­ger nach mein­er Mein­ung über sein Spiel gefragt. Ich habe ihm meine krit­ischen Bemerkun­gen mit­geteilt, und dann fragte er mich, ob ich wirk­lich all diese Fein­heiten gehört hätte. Ich ant­wor­tete, ja natür­lich. Darauf sagte er: “Ich muss sofort üben gehen.”

Nikolaj Znaid­er: Und das ist eigent­lich ein großes Ges­chenk, so jemanden zu haben, der einem die Wahrheit sagt. — Sprechen wir jet­zt noch weit­er über das heut­ige, das mod­erne Gei­gen­spiel. Sie haben schon ein wenig Ihre Mein­ung darüber geäußert. Können Sie uns sagen: Wie sehen Sie die heut­ige gei­gerische Entwicklung, und wo würden Sie gerne sehen, dass es hinge­ht? In welche Rich­tung?

Bor­is Kuschnir: Also ich sehe die Lage heute so: Entscheidend für die Konzerttätigkeit sind heute zwei Dinge. Das eine ist, jemand muss ein­en großen Wettbe­w­erb gewinnen, dann hat er eine Chance, eine Solokar­ri­ere zu machen. Das andere ist, jemand spielt einem — oder mehr­er­en — Diri­gen­ten vor, und dieser Diri­gent oder diese Diri­gen­ten helfen dem jun­gen Gei­ger, eine Solokar­ri­ere zu machen. Und so hört das Pub­likum heute sehr oft tech­nisch sehr gute Gei­ger, die aber keine großen Gei­ger sind. Es sind pro­fes­sion­elle Musiker, die können ein Paganini-Konzert gut spielen, ohne große Fehler, oder noch andere schwi­erige Werke, aber Musiker, große Musiker, die Klangqual­ität haben, Intellektu­al­ität, die Gefühle aus­drück­en, gibt es sehr wenig.

Nikolaj Znaid­er: Also, Sie sehen eine Gefahr, dass sich das breite Pub­likum an Mit­telmäßigkeit gewöhnen wird?

Bor­is Kuschnir: Richtig. Da gibt es dieses schöne Märchen von Ander­sen, “Des Kais­ers neue Kleider”. Das ist ein sehr schönes Beis­piel. Der Kais­er war ohne Kleider, aber alle haben gesagt, er hat Kleidung, und zwar wun­der­schöne Kleidung. Aber er hatte nichts an! Und in Konzer­ten haben wir heute oft eine ähn­liche Situ­ation. Jemand spielt, und ich höre, es ist kein großer Gei­ger, es ist kein großer Musiker, “keine Kleider”, kein großes Tal­ent. Und das Pub­likum geht ins Konzert, ein Mal, zwei Mal, viel­leicht drei Mal, und dann kom­men die Leute nicht mehr. War­um?

Ja, das ist für mich genug, sagen die Leute. Wir ver­lier­en ständig Pub­likum in klassis­chen Konzer­ten, und der Grund dafür ist oft die Mit­telmäßigkeit.

Nikolaj Znaid­er: Herr Prof. Kuschnir, Sie haben in den 80er und 90er Jahren, und heute immer noch, in ver­schieden­en Kam­mer­musikensembles gespielt. Inwiefern hal­ten Sie das für not­wendig für Ihre Unter­richt­stätigkeit? Sie haben ja in dieser Zeit Ihren Namen als Viol­in­päd­agoge aufge­baut, aber trotzdem haben Sie diese Seite als aus­übend­er Künst­ler rue aufgegeben. Wie wichtig ist das für Sie?

Bor­is Kuschnir: Ich den­ke, dass es für meine päd­ago­gis­che Arbeit auch sehr wichtig ist, wenn meine Schüler sehen, dass ich auch sel­ber spiele. Ich ver­suche natür­lich das, was ich unter­richte, auch in meinem Spiel zu zei­gen. Und ich habe mich entschieden, mein künst­lerisches Leben in Kam­mer­musik: und Unter­richt zu teilen. Auch heute spiele gerne mit dem Wien­er Brahms Trio und dem Kopel­man Streichquar­tett. Meine künst­lerische Tätigkeit hat sehr starken Ein­fluss auf meine päd­ago­gis­che Arbeit. Schon über 15 Jahre habe das Glück, dass mir die Oes­ter­reicrnsche Nation­al­bank eine wun­derbare Stra­di­vari-Violine zur Ver­fü­gung stellt. Und das ist nicht nur deshalb ein Glück, weil ich auf diesem Instru­ment sehr schöne Musik: spielen kann, son­dern auch, weil ich dam­it in meinem Unter­richt sehr viele Far­brich­tun­gen und viele Klang­mög­lich­keiten zei­gen kann.

Nikolaj Znaid­er: Und welche Rich­tung würden Sie jet­zt am lieb­sten sehen? Wenn dajet­zt die Bor­is-Kuschnir Wun­schbox wäre, wie würden Sie es denn am lieb­sten haben?

Bor­is Kuschnir: Ich den­ke an die Musik:. Und ich sehe da zwei sehr wichtige Rich­tun­gen, die zusam­men gehören, die künst­lerische und die päd­ago­gis­che. In bei den wün­sche ich mir höch­ste Pro­fes­sion­al­ität, Ehr­lich­keit und echte Gefuhle. Das alles zusam­men macht die Musik und unser Leben viel schön­er und glück­lich­er.

Nikolaj Znaid­er: Herr Pro­fess­or Kuschnir, Sie erlauben mir ein­en per­sön­lichen Kom­ment­ar am Ende dieses Inter­views. Ich bewun­dere Sie und bin glück­lich, dass Sie so viel Leidenschaft haben fur Ihren Beruf, und ich wün­sche Ihnen in Ihr­em Kampf gegen die Mit­telmäßigkeit nur das Aller-, Allerbe­ste. Und zu Ihr­em 60. Geburtstag, wün­sche ich Ihnen noch viele, viele Jahre und viel Erfolg und danke Ihnen sehr fur alles, was Sie fur mich und fur viele mein­er Mitschüler­innen und Mitschüler gemacht haben und was Sie uns gegeben haben, und wir möcht­en das auch als Musiker hin­aus­tra­gen in die Welt. Danke fur alles, und danke fur das Gespräch.

Bor­is Kuschnir: … und ich möchte gerne mein­en Schülern dafür danken, dass sie mich als ihren Lehr­er gewählt haben. Ich hab sehr viel von ihnen gel­ernt und lerne noch immer von ihnen. Ohne sie wäre mein Leben viel weni­ger interess­ant ver­laufen.

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Danke schön. Und ich möchte auch allen mein­en Schülern vielen Dank dafür sagen, dass Sie mich als Lehr­er aus­gewählt haben. Ich habe von ihnen sehr viel gel­ernt und ich lerne weit­er, und das ist fur mich, fur mein Leben, eine Bereicher­ung. Ohne Euch alle wäre mein Leben etwas ganz anderes und viel weni­ger interess­ant. Vielen Dank!